Expedition nach Glück
29. August 2000


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Oberbaum Str./Schlesisches Tor - Start:13.30 Uhr
13.35 Uhr - 15.15 Uhr

gut drauf
sonnig, 26°C
0 vorbeifahrende Fahrzeuge
Fahrrad, Insassen= 1; weiblich, 30-40 Jahre alt


Welch Glück, das erste Fahrzeug hält.
Es ist eine Frau auf einem Fahrrad ohne Gepäckträger.
Ich trete, sie sitzt auf dem Sattel.

Wir fahren zum Kinderladen, wo ihr Sohn ist.
Die Fahrt ist etwas beschwerlich aber wir kommen sicher an. Der Kinderladen ist in einem schönen Hof gelegen mit grossen Bäumen.
Wir kochen Kaffee und essen Kekse, während die Kinder nacheinander vom Mittagsschlaf erwachen.

"Meistens merkt man erst hinterher was man von einem Moment hat, welch ein glücklicher Moment es war.
Glücklich sein ist so ein bewegender Moment im Körper, ich weiss nicht genau was das ist. Euphorie ? Euphorie finde ich schon zu viel. Es ist einfach so eine Zufriedenheit.
Man kann glücklich sein ohne Glück zu haben. Glücklich sein ist ein Grundzustand der plötzlich eintritt. Eine innere Zufriedenheit. Wahrscheinlich ist es hormonbedingt, beim Eisprung, da habe ich viel Kraft.
Allerdings bin ich im Moment wo ich Glück empfinde, auch sehr skeptisch, da ich denke dieser Zustand geht auch bald wieder vorbei.... Zucker macht das Leben süss.
Glück empfinden ist ortsunabhängig."
Intensiver über Glück zu reden geht nicht, weil ihr Sohn Merlin spielen will. Ich kicker eine zeitlang mit ihm und er gibt mir ein paar Beispiele was Glück für ihn ist:
"wenn man eine grosse Spinne sieht
wenn man Gold findet.
wenn der Tag länger ist"

Alle fangen an im Sandkasten zu spielen und ich ziehe weiter.


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Mariannen Platz - start: 15.30 Uhr
15.50 Uhr - 15.51 Uhr

Kommentar während des Wartens

Ich habe heute schon mein Portmonaie verloren.
Zum Glück war kein Geld drin, aber die Papiere...

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Mariannen Platz - start: 15.30 Uhr
15.52 Uhr - 15.53 Uhr

Kommentar während des Wartens

Ein Junge bleibt stehen und fragt was ich da mache. Ich sage ich suche das Glück.
hmm sagt er.
"Ich hatte auch mal Glück, als ich mit dem Fahrrad gefallen bin, da hatte ich Glück das ich nicht auf den Kopf gefallen bin."


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Mariannen Platz - start:15.30 Uhr
15.55 Uhr - 16.28 Uhr

gut drauf
sonnig, 26°C
50-100 vorbeifahrende Fahrzeuge
Fussgänger, weiblich, 18-30 Jahre alt


"Zum Glück gehts bei mir meistens am Wochenende.
An der Nordsee oder an der Ostsee, da kommt man schneller hin. Vergiss dabei, dass hinter dem Horizont Dänemark liegt, sonst kann man das nicht geniessen, wenn man weiss das es dahinten schon wieder zu Ende ist.
Das ist so ein Gefühl von die Welt ist gross und wunderbar und ich bin ein Teil davon.
Versuch mal mit der S-Bahn ganz nach Norden zu fahren und da an der Raststätte loszutrampen.
Ach innerhalb Berlins... Der Britzer Garten, da ist das Glück. Besonders dort, wo jetzt im Sommer die Wasserfälle fliessen. In der Mitte ist ein See und da ist ein Restaurant was wie eine Zwergengrotte aussieht. Am Besten du kommst von Norden rein.
Leider koennen wir da jetzt nicht hin, ich muss gleich arbeiten.
Aber geh mal dahin, das ist ehemaliges Bundesgartenschaugelände, die haben gewusst was sie da machen.
Ich muss jetzt zum Orthopäden.
Mein Knie habe ich mir beim Tanzen verletzt, da war ich glücklich, und da ich soviele Glückshormane im Blut hatte habe ich den Schmerz nicht gemerkt."

Ich warte im Wartezimmer des Orthopäden, während sie geröntgt wird.

"Ich habe noch einen Ort gefunden wo das Glück ist, allerdings kann ich dich nicht dahin mitnehmen, du musst selber hinfahren - gedanklich. Schau da im Himmel die Wolke in dem Licht. Das könnte alles sein Wald, ein Meer...."

Wir verlassen die Praxis und betreten die Strasse.
"Welch ein Glück, das gibts doch nicht, das ist das Auto von einem Freund von mir. Der kann dich bestimmt mitnehmen."
Wir warten auf den Freund und trinken Eistee.

"Ich wohne im Süden von Berlin, hier könnte ich nicht glücklich werden, alles zu eng, zu klein, zu laut, zu viel Menschen, zu viele Türken.
Ich wohne lieber unten, da habe ich einen Garten, da singen morgens die Vögel.

Es gibt Menschen die sind total glücklich, an einem Ort wo sie sicher sind, wo es überschaubar ist, da wo nichts aus der Ferne kommen kann, was sie angreift. Manche Menschen sind glücklich da. Andere Menschen würden ausrasten: das ist mir alles zu eng hier, ist ja schrecklich. Manche Menschen brauchen Platz um sich herum brauchen Freiheit. Ich bin so jemand, ich brauche weite Sicht. Ich sage nicht das das besser ist. Es gibt Menschen die brauchen einen eingeschränkten Raum. Ich bin nicht so, ich muss bis zum Horizont gucken können. Ich brauche das Gefühl das überall Abenteuer ist.
Die Welt ist grossartig, weitreichend. Am glücklichsten bin ich wenn ich spüre dass ich ein Teil davon bin. Wissen tue ich es immer, aber wenn ich es auch fühle dann bin ich glücklich."

Der Freund kommt, aber kann mich nicht mitnehmen da er einer Freundin beim Umzug hilft.

Wir laufen Richtung Moritzplatz, sie nimmt die U-Bahn zur Arbeit, ich stelle mich wieder an die Strasse.

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Oranienstr./Moritzplatz - start:16.30 Uhr
16.40 Uhr - 17.25 Uhr

gut drauf
sonnig, 25°C
50-100 Fahrzeuge gewartet
Auto, Insassen= 1; weiblich, 40-50 Jahre alt


Eine Frau hält. Sie ist auf dem Weg nach Schöneberg, um sich eine Wohnung anzugucken die sie renovieren soll.

"Ich könnte ein bisschen Glück brauchen.
Glücklich sein heisst für mich das Gefühl zu haben man macht das Richtige, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Man macht das was man im Leben eigentlich machen soll. Es muss nicht Harmonie sein, wenn man das Gefühl hat das Rchtige zu machen.
Das merkt man innerlich, das ist so ein Magnetismus dem man folgt und wenn das geht dann ist das gut.

Momentan beschäftige ich mich nur.
Im innersten kann es Monate, Jahre andauern glücklich zu sein.
Äusserlich kann man dann auch traurig sein.
Ein Ziel zu haben meine ich nicht, dann müsste man ja wissen wo man hin will, ich meine das Gefühl zu haben auf dem richtigen Weg zu sein.

Es gibt eine innere Stimme der man folgen muss, aber die steht oft im Widerspruch zu dem wie man als Mensch ist. Manchmal quatscht man die Leute voll oder sich selber und kommt dann in Zweifel und macht was falsch. Sich verunsichern lassen ist schlecht.
Oft hört man die innere Stimme nicht mehr weil es aussen so laut ist.

Es gibt immer nur ein Jetzt und wenn du bermerkst , da kommt nichts besonders gutes aus dir heraus dann ist das ein negativer Moment.
Warum braucht man einen Massstab um etwas zu erkennen? Man kann doch direkt empfinden ohne das zu messen. Da braucht man keine Vergangenheit oder Zukunft."

Wir gehen in die Wohnung ihrer Freunde, zwei Stockwerke über zu renovierenden Wohnung. Wir unterhalten uns weiter ueber Glück Der Freund sagt "Glück ist nicht zu übertreffen. Es ist ein Zustand der nur im Moment erreichbar ist."
Seine Frau sagt "Glück sind nur seltene Momente im Leben z.B. als ich meinen Mann kennengelernt habe und vor allem die Zeit die ich mit ihm verbringe."

Bei der zu renovienden Wohnung sind Streicharbeiten zu machen.
Sie nimmt den Job an, und nimmt den Weg zurück nach Hause.
Wir verabschieden uns.

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Hauptstr
17.30 Uhr -17.50 Uhr


Ich esse Wontan im "Asia Imbiss Grunewald".

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Hauptstr./U-Bahn Bayrischer Platz start: 17.50 Uhr
18.05 Uhr -19.00 Uhr

gut drauf
sonnig, 22°C
50-100 Fahrzeuge gewartet
Auto, Insassen= 1; männlich, 50-60 Jahre alt

"Ich fahre jetzt ein paar Strassen weiter zu meinem altem Zuhause, dann fahre ich weiter zum Einstein unter den Linden.

Glück ist wahrscheinlich was man sich gerade wünscht und demnach nicht hat.
Das bedeutet für die meisten Menschen Glück.
Glück bedeutet für mich wenn man seine Bestimmung gefunden hat.
Bestimmung kann alles mögliche sein. Ein Ziel was man erreichen soll. Wenn man geboren wird hat man eine Bestimmung, man lebt ja nicht nur zufälllig bis man zu Asche zerfällt.
Ich denke schon, dass ich eine Bestimmung in meinem Leben gefunden habe.
Die Hauptbestimmung für jeden ist sich selber zu entwickeln, sich selber zu erkennen. Nicht in dem Sinne das man irgendetwas tun muss, dass man Maler oder Konstrukteur von Maschinen sein muss. Seine Lebensbestimmung kann man im künstlerischen oder technischen erreichen. Das wesentliche an der Bestimmung ist sich selber zu entwickeln.
Ca seit 15 Jahren habe ich meine Bestimmung bewusst gefunden.

Bei Glück denke ich an das höchste Ziel was man erreichen kann. Die Philosophen sagen Selbstverwirklichung dazu. Es gibt so eine Pyramide von dem was der Mensch erreichen will. Das erste ist, er will Futter haben damit er nicht verhungert. Das zweite ist er will schön wohnen, will Sicherheit in der Wohnung haben. Er will Arbeit haben und gut bezahlt werden dafür. Das oberste Ziel ist sich selbst verwirklichen zu können.
Viele haben diese Pyramide dahin gehend falsch verstanden, dass sie sagten wer noch nicht genug zu essen hat, der kein Dach über dem Kopf hat, der kann sich auch nicht selbst verwirklichen, und das ist falsch.

Der Begriff Selbstverwirklichung wurde in diese Pyramidentheorie eingeführt.
Es wurde in der Motivationstheorie benutzt. Gewerkschaftsdenken. Wie kann man seine Arbeiter zufriedenstellen, ausser mit Geld.
Ob das dasselbe ist wie Glück.? Es gibt ja den Spruch da hast du Glück gehabt.
Man hat Glück gehabt wenn man im Lotto gewinnt, Glück gehabt wenn man über die Strasse rannte und nicht angefahren wurde obwohl jemand kam.
Ich wünsche dir viel Glück sagt man ja zum Geburtstag.

Der Unterschied zwischen Glück als Ereignis und dem Zustand des Glücklichseins. Obwohl es der gleiche Wortstamm ist gibt es offenbar einen Unterschied. Glück ist was irgendwann eintritt, während Glücklichsein ein Zustand ist den man erreichen kann, der aber auch stabil bestehen bleiben kann, abhängig von der Energie die man selber ausstrahlt.
Glück ist ja eine sehr relative Sache. Glück ist für den Einen schon eine ganz kleine Sache, für den Anderen muss es ganz viel sein.
Glück muss man empfinden können.
Es sind bestimmte Umstände nötig um sich glücklich zu fühlen. Wenn dann ein Unglück einträte, würde man nicht mehr glücklich sein. Es hängt also nicht allein davon ab, dieses Gefühl zu halten sondern auch davon, dass die Umstände positiv bleiben. Unglück ist ein Ereigniss was von aussen kommt, bei Glück bin ich mir nicht so sicher.

Wenn man Leute befragt nach Glücklichkeit, dann denke ich werden viele an Beziehungen denken und weniger an materielle Dinge..."

Auf der weiteren Fahrt unterhalten wir uns über wohnen, Hausbau und Berliner Zeiten kurz nach dem Krieg.

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Unter den Linden/Cafe Einstein - start:19.00 Uhr
19.10 uhr -19.15 uhr

gut drauf
sonnig, 22°C
0-50 vorbeifahrende Fahrzeuge
Fahrrad, Insassen= 1; männlich, 18-30 Jahre alt


Ein Velotaxi hält.

"Eigentlich nehmen Velotaxifahrer ja keine Tramper mit aber ich mache jetzt Feierabend, ich kann dich bis zum Alex mitnehmen.
Mein Glück ist weg. Früher als ich noch nicht soviel nachgedacht habe war es da....."

Leider können wir uns nicht weiter unterhalten, die Distanz zum Fahrer ist zu gross.
Ich geniesse meine erste Velotaxifahrt.


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AlexanderPlatz/Forum Hotel - start: 19.16 Uhr
19.45 Uhr

Kommentar während des Wartens

Ich stehe neben dem Taxistand, ein Fahrer beugt sich aus dem Fenster und spricht mich in gebrochenem Deutsch an.

"Ich habe kein Glück, noch nie gehabt.
Ich habe das Glück gesehen aber ich verstehe nicht was ist Glück ?
Glück finde ich bei der Frau. Von Männern gibt es weniger Glück.
Kennst du in der Kantstrasse das schwarze Cafe ? Gestern war ich da und habe dieses Wort vor einem Mädchen gesagt. Sie sagt zu mir wenn du Glück haben willst, geh zu einem anderen Mädchen. Ich habe gesagt, ich bleibe bei dir, nicht nur in der Kneipe.
Ich möchte mit dir reden und ein bisschen Glück haben. Dann hat sie gesagt, gib mal deine Telefonnummer und wenn ich Zeit habe rufe ich dich an und wir sehen uns. Ich sage O.K. und als sie ging habe ich gesehen dass sie den Zettel liegen gelassen hat."

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AlexanderPlatz/Forum Hotel - start: 19.16 Uhr
19.40 Uhr

Kommentar während des Wartens

Ein Fahrradfahrer ruft im vorbeifahren: "Da fahre ich gerade hin !"

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AlexanderPlatz/Forum Hotel - start: 19.16 Uhr
19.50 Uhr

Kommentar während des Wartens

"Meine Freundin hat dich eben hier stehen gesehen und hat mich angerufen. Jetzt musste ich hier hin fahren.
Ich soll dich fragen warum du hier stehst."
Er macht ein Foto und lädt mich zu seinem morgigen Geburtstag im "Altberlin" ein. Ich freue mich zu kommen.
"Dann kannst Du dich morgen mit ihr selber unterhalten."

Ich bin dann am nächsten Abend spät auch noch vorbei gefahren, aber war dann doch nicht in der Stimmung reinzugehen.

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AlexanderPlatz/Forum Hotel - start: 19.16 Uhr
20.10 Uhr

Es scheint mich keiner mehr mitnehmen zu wollen. Meine Gestalt scheint aber noch viele Leute glücklich zu machen, ich empfange viel Lächeln.
Ich bin müde und glücklich und fahre mit der U-Bahn nach Hause.

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Alle Texte sind Teil von ExpeditionBerlin (http://www.tourist-research.de/ExpeditionBerlin)
Veröffentlichung nur nach Rücksprache mit tourist research / Philip Horst