Expedition nach Glaube
06. September 2000



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AlexanderPlatz/Forum Hotel - start: 14.05 Uhr
14.07 Uhr

Kommentar während des Wartens

Ein Fahrradfahrer ruft im vorbeifahren: "Wissen ist Macht ! "



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AlexanderPlatz/Forum Hotel - start: 14.05 Uhr
14.10 Uhr - 17.00 Uhr

mittelmässig drauf
bewölkt, 17°C
50-100 vorbeifahrende Fahrzeuge
Auto, Insassen= 1; männlich, 18-30 Jahre alt


"Ich glaube an ganz viele Sachen. Jeder glaubt an irgendetwas. Glaube ist ein Lebensbaustein, ein Akku. Religionen sind einfach, simpel, du glaubst und es wird gut. Der Glaube an Gott bestimmt das Leben der Gläubigen.
Glaube ist Sicherheit und ein Weg.

Das ist die Hausbar, meine Stammnachtbar. Das ist ein Ort der für mich mit Glaube zu tun hat, hier wirst du immer bewacht, weil nebenan die Synagoge ist.
Glaube ist ja nicht nur Religion. Das ist der einfachste Teil. Glauben an Regeln, Glaube an Familie. Glaube ist glaube ich immer an etwas konkretes gebunden. Beziehungen haben auch was mit Glauben zu tun.
Du hast nie eine Sicherheit, du glaubst nur dran. Es gibt eigentlich niemanden der nichts glaubt, denn auch die glauben an sich selbst.
Ich glaube nicht an Religion. Als Kind schon. Ich bin evangelisch erzogen, getauft und konformiert. Kirche in der DDR, wo ich gross geworden bin, war Opposition. Ich war in der jungen Gemeinde in Jena, da wo sich die Friedensbewegung formiert hat. Das war schon eine gute Zeit.
Eigentlich war der Glaube von meinen Eltern aufgedrückt.

Ich glaube mehr an Energien, an energetische Punkte in der Welt. An mentale Verbindungen von Leuten, an Telepatie. Religiös gesehen bin ich Atheist.

Meine Oma hat immer Glaube und Heimat gelesen. Die Zeitschrift gibt es immer noch, solltest du mal angucken."

Wir fahren zu zwei Freunden von ihm, die gerade an einem Internetentertainmentkonzept arbeiten. Wir trinken Kaffee und ich helfe die email- accounts zu konfigurieren.

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Danziger Str. 25 - start: 17.00 Uhr
17.30 Uhr - 17.35 Uhr

Kommentar während des Wartens

"Was suchen sie? Den Glauben? Was ist das Glaube ? Ah, jetzt verstehe ich.
Ich glaube nur an den Islam. Ich kann dir das nicht richtig erklären.
In Neukölln gibt es drei Moscheen, geh dort mal hin, da gibt es viele Leute die besser sprechen als ich. Mein Deutsch ist nicht so gut. Im Islam gibt es viele schwere Wörter, im Koran, in unserem Buch.
Geh in die Moschee Nurr in Neukölln. Ich gehe einmal die Woche in die Moschee, am Freitag.

Islam ist nicht nur arabisch. Der Islam ist international, gibts in Malaysia, in Indonesien, in China und in Deutschland auch.
Es gibt drei Religionen in der Welt: jüdisch, christlich, Islam.
Buddhismus ? Nee das ist keine Religion. Das ist ein Mann, ein Arschloch, das ist nicht Religion. Ich bete nicht für einen Mann! Ich bin nicht verrückt ! Es gibt drei Religionen in der Welt: jüdisch, christlich, Islam, alle Leute wissen das. Buddha oder Hendusa (?) oder so, das ist alles scheisse. Hendusa essen nicht das reine Fleisch, die essen Schweinefleisch.
Du kannst nicht sagen hier, stop jetzt und sagen du machst keinen Unfall. Du machst sowieso einen Unfall wenn du jetzt auf die Strasse läufst, weil die Autos nicht mehr bremsen können. Du musst im Kopf denken.
Was ist Buddha? Ich bin doch nicht verrückt. Glaube an einen Mann oder Papa oder was? Ich bin doch nicht verrückt.
Ciao ich muss jetzt weiter."

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Danziger Str. 25 - start: 17.00 Uhr
17.45 Uhr - 19.35 Uhr

mittelmässig drauf
bewölkt, 16°C
100-200 vorbeifahrende Fahrzeuge
Auto, Insassen= 1; männlich, 40-50 Jahre alt

"Ich wollte Fragen wo sie eigentlich hinmöchten. Ich bin nämlich gerade schon mal hier vorbei gefahren.
Ich bin auch Christ, wenn du auch an Jesus Christus glaubst denke ich sind wir Brüder.
Ich bin nicht in einer grossen Kirche, ich bin in einer kleinen Gemeinde in Hellersdorf. Wir sind bibelgläubige Christen. Das Vorbild ist die Urchristenheit.
Die Bibel setzt Rahmenbedingungen für die Gemeinde. Der weitere Inhalt muss dann ausgefüllt werden. Man kann nicht sagen so wie vor 50, 100, 1000 Jahren war so muss es auch heute sein. Das geht nicht.

Wir haben zum Beispiel keine Kirche und nicht so viel Verwaltungsapparat wie die grossen Kirchen und müssen dadurch auch nicht so viel investieren. Wir treffen uns in einer ehemaligen Kita, das ist jetzt ein Nachbarschaftshaus und ausser uns sind noch verschiedene andere gemeinnützige Projekte dort untergebracht.
Ich bin Christ, sage ich mal in Anführungsstrichen, durch meine Eltern. Obwohl es das nicht gibt, ich das bewusst auch nicht so sehe und auch von meinen Kindern nicht so will. Ich erziehe meine Kinder im christlichen Glauben und möchte sie über die Bibel dahin führen auch komplexere Dinge zu verstehen.
Meine Eltern waren in der Lutherbewegung innerhalb der christlichen Freikirchen. Die Luther Bewegung hat sich 1840, teilweise unter Schmerzen von der grossen Kirche gelöst.
Die Theologen die zu dieser Zeit gelehrt haben waren sicher auch grosse Geister, vielleicht vergleichbar mit Paulus. Es ist aber immer gefährlich, wenn man einen als grossen Lehrer hinstellt und verehrt. Deren Formen sind quasi seit 150 Jahren konserviert.
Ich war da bis ich so 20 war. Dann sind viele Sachen für mich in Frage gekommen. Ich bin nun auch Ossi und es gab nicht viele Alternativen. Ich bin bin auch nicht der grosse Einzelkämpfertyp, ich brauche Gemeinschaft, damals noch mehr als jetzt.
Jetzt kann ich Sachen mit grösserem Abstand sehen. Damals ging es mir vielfach nicht gut, weil ich Fragen hatte und vielfach schon wusste was unter den älteren Glaubenbrüdern als Antwort kommen würde. Das hat ja nichts gebracht. Und dann plätscherte das so dahin, ich habe geheiratet und Punkt zur Wende sind wir mit einer amerikanischen Missionsarbeit zusammengetroffen. Wir waren denen gegenüber anfangs sehr skeptisch. Dann habe wir aber angefangen Bibel zu lesen und uns Gedanken gemacht wie eine Gemeinde aussehen könnte. Anfangs waren wir vier Familien mittlerweile sind wir sechzig bis siebzig Personen.
Wir treffen uns jeden Sonntag zum Gottesdienst, die sind ziemlich lang und haben keinen festen zeitlichen Rahmen. Wenn wir Lust haben länger zu singen oder zu reden dann machen wir das auch.
Darüber hinaus haben wir auch einen Volkshochschulkurs, den einer unserer Missionare leitet, der auch eine akademisch-theologische Ausbildung hat. Das ist so eine Art Bibeleinsteigerkurs.
Gottesdienst ist bei uns immer Sonntags um 9.30 Uhr.


Wir machen ein chronolgisches Bibelstudium, das geht über eineinhalb Jahre, wir treffen uns vierzehntägig. Da fangen wir am Anfang der Bibel an, wir gehen nicht alle Seiten der Bibel durch aber wir behandeln die grossen Themen. Danach wird man wissen was die roten Linien sind, was das Grundanligen ist. Da nehmen auch Nichtchristen teil.
Die Bibel besteht ja aus etwa vierzig Büchern. Anfangs wirkt das ja sehr zerrissen. Es gibt aber dicke, fette rote Linien die durch die Bibel hindurchgehen. Einerseits die Geschichte Israels, die aber andererseits nur Vehikel ist andere Geschichten rüberzu bringen. Die Wiklichkeit, das macht übrigens auch meinen Glauben aus, dass es einen Gott gibt und dass er sich bekannt macht. Seine Person wird bildhaft an der Geschichte Israels. Wir fragen in der Bibelstunde, warum hat Gott den Mensch gemacht, was war sein Anliegen. Gerade die ersten Kapitel der Bibel, es sit von unendlicher Weissheit. Auch wenn man am Ende nicht daran glaubt, muss man sagen dass da ein Konzept vorhanden ist was sehr faszinierend ist.
Es beleuchtet auch uns heute, wie wir leben, warum wir in solchen Problemen stecken. In der Bibel kann ich da interessante Hinweise finden.
Ab November/Dezember werden wir uns zu einer neuen Gruppe zusammensetzen. Es sind so 50 Lektionen. Ich will weniger. Es gibt andere die 20 daraus gemacht haben, das ist mir aber zu wenig. Es hat keinen Sinn Wahrheiten, die tausende Jahre gebraucht haben sich zu entwickeln, nun zu instant Nahrung herunter schrauben zu wollen, wie es ja heutzutage sehr beliebt ist. Es dauert einfach ein bis eineinhalb Jahre."

Sein zwölfjährige Tochter kommt vom Harfe-Unterricht zurück und wir fahren mit Zwischenstopps bei Mac Donalds und Führung durch das Krankenhausgelände wo er arbeitet zum Nachbarschaftshaus in der Kastanienalle 53/55 in Marzahn.

Als wir an der Ampel stehen bitte ich sie eines der modernere Kirchenlieder zu singen und das klingt super.


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Landsberger Allee / Kalusdorfer Str. - start:20.00 Uhr

Es wird finster an der Nordöstlichen Stadtgrenze von Berlin.
Die vorbeifahrenden Autos verwandeln sich in schwarze Klumpen mit hellen Augen.
Ich kann die Fahrer nicht mehr sehen, aber sie mich.
Das ist unangenehm. Um 20.40 Uhr breche ich ab und fahre mit der Tram nach Hause.


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Alle Texte sind Teil von ExpeditionBerlin (http://www.tourist-research.de/ExpeditionBerlin)
Veröffentlichung nur nach Rücksprache mit tourist research / Philip Horst