Expedition to Geld
25. August 2000



Potsdamer Platz
start: 14.00 Uhr
14.30 - 15.10 Uhr
gut drauf
sonnig, 24 C
50-100 Fahrzeuge gewartet
Auto, männlich, 40-50 Jahre alt

Ein Lieferwagen hält.
Hi, wo willst du hin ? Steig ein.
Tja Geld, ich versuche für mich zu arbeiten, nicht für jemand anderes. Jeder muss schaun wie er für sich das Konkrete findet, weisst du. Ich verdiene mein Geld mit Trödel. Hauptsächlich am Kennedy- und Arkona Platz.
Mich wundert woher all die Leute die hier so rumhängen und in Cafes sitzen ihre Knatter kriegen.
Leztens hat mir so ein Typ in Zehlendorf erzählt er hätte so ein Haus renoviert für 500 DM/qm, den Bau hat er umsonst gekriegt, irgend so eine Kaserne. Er sagte er hat sein Geld mit Internet verdient, was genau habe ich ihn nicht gefragt.

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Fahrt 2

Grossbeeren Str . 56
start: 15.20 Uhr
15.40 - 16.20 Uhr
gut drauf
sonnig, 24 C
50-100 Fahrzeuge gewartet
Auto, weiblich, 40-50 Jahre alt

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Eine Frau kommt aus dem Refomhaus und fragt mich ob ich Geld wolle, ich sage ja und steige zu ihr ins Auto.
"Ich denke ja Geld ist eine Energieform, Geld muss man nicht haben, Geld muss man fliessen lassen.
Ich fahre jetzt aber nur um die Ecke nach Hause. Ob ich dir Plätze zeigen kann die für mich mit Energie aufgeladen sind? Mein Zuhause ist ein sehr Energie geladener Ort für mich.

Ich habe gemerkt wenn ich anfange Geld zu bunkern, zu zählen, zu sparen, dann wird es weniger.
Wenn ich Geld nicht als so wichtig bewerte, auch in Zeiten wo ich wenig habe, ist das Geld immer zu mir gekommen.
Grosszügig sein mit Leuten die nicht so viel haben, das ist wichtig.
Das hat für mich auch was sehr spirituelles, ich habe dabei gelernt Vertrauen in das Universum zu haben und auch mich mit der Idee anzufreunden, dasS es so etwas gibt.
Vor fünf Jahren war ich gar nicht davon zu überzeugen dass es solch eine Sache wie Energie oder Universum überhaupt gibt. Das kam damals als ich eine grosse Praxis aufgemacht habe und riesige Angst hatte, dass es nicht funktionieren könnte.
Ich habe diese Fabriketage gefunden und war vom ersten Moment an davon überzeugt, dies ist der Ort wo ich arbeiten werde. In meinem Kopf ging dann so eine Skepsis-Schleife ab, "ja ja du denkst jetzt das wäre dein Platz, du bildest dir ein du hättest ein Gefühl dafür, ich kriege das ja sowieso nicht, da sind tausend andere solventere Kunden die das vor mir kriegen".
Eine Frau die mit mir und weiteren Supervision macht, hat mich dann in meinem positiven Gefühl bestärkt. Sie hat mir geraten ein Ritual zu machen. Das kam mir Anfangs völlig abstrus vor, aber ich habe das dann gemacht und bin heute davon überzeugt dass ich es dadurch gekriegt habe.
Ich habe mich mit dem Wunsch verbunden. ich habe mich hingesetzt zwei Kerzen angezündet und habe mir innerlich vorgestellt, wie das aussehen wird. ich habe diese Energie dem Hausverwalter geschickt. Der war zu der Zeit im Urlaub und sein Vertreter sagte, ja er wüsste nicht wir müssten warten bis er wieder aus dem Urlaub zurückkommt. Als er dann zurückkam und wir telefonierten war er superfreundlich, hat mich durchs ganze Haus geführt und mir noch andere Räume gezeigt, wo dann ein noch schönerer Raum dabei war und da bin ich dann eingezogen. "

Wir verlassen das Auto und gehen in ihre Wohnung.
Sie zeigt mir den Platz wo sie das Ritual gemacht hat.
Ich mache jetzt seit 12 Jahren Feldenkreis.
Ich hatte immer Angst, dass das schief geht. Ich habe mich unheimlich viel damit beschäftigt, Kontoauszüge gucken, ausgerechnet, wie viele Leute müssen kommen damit sich das auszahlt usw. Damit habe ich mir das Leben schwer gemacht.
Ich habe mich dann hingesetzt und überlegt wie ich die Verstrickung lösen kann.
Jetzt merke ich, je weniger ich mich damit beschäftige, desto besser läuft es. Vorher hatte ich eine Gemeinschaftspraxis, hier im Haus da hatte ich solche Geldgedanken gar nicht, es ging erst los als ich die Verantwortung selbst tragen musste.
Meine damalige Kollegin arbeitet mit Kindern, ich mit Erwachsenen. Das ging dann einfach nicht mehr, die Kinder waren gleichzeitig da und sind während der Behandlung immer durchs Zimmer gerannt. Dann habe ich eine eigene Praxis aufgemacht und mache jetzt nur noch Feldenkrais.

ich komme zwar aus gutem Hause, mein Vater war Professor der Medizin, aber wir hatten nie Geld. Ich habe nichts geerbt.
Wir haben zum gehobenen Mittelstand gehört und in Frohnau gebaut.
Ich bin ziemlich früh da weg und bin nach Kreuzberg gezogen. Das war auch ein ziemlicher Kulturschock, wie aus dem Dorf in die Stadt, obwohl es dieselbe Stadt ist..
Ich habe immer in Berlin gelebt. Nach der Ausbildung habe ich überlegt nach Afrika in den Entwicklungsdienst zu gehen, aber ich habe dann hier eine Stelle gekriegt und bin geblieben. Ich hatte auch Schiss davor weg zugehen, ich bin sehr behütet aufgewachsen, alleine wäre ich nicht gegangen. Dann habe ich mich auch noch verliebt hier, naja.
Ich finde es sehr schön hier zu wohnen und empfinde es als grosse Bereicherung, dass die Mauer weg ist. Das Zusammenwachsen ist in unserer Stadt ja irre dicht. Ich finde es eine tolle Chance, zwei so unterschiedliche Sozialisation aneinanderprallen zu sehen und zu fühlen. Ich habe Leute in meinen Gruppen und auch Freunde die aus dem Osten kommen. Wie unterschiedlich das ist, die Gestik, die Mimik, die Sprache, da gibt es wirklich Sachen die auf eine bestimmte Art anders sind als bei uns. Das finde ich spannend aber auch schwierig.
Tip zu guter Letzt:
Das Geld gut verteilen, nicht so festhalten
Gerade wenn du Künstler bist ist das oft eng. Aber selbst wenn Du wenig hast, lass es fliessen !

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Fahrt 3

York Str.
start: 16.30 Uhr
16.40 - 17.15 Uhr
gut drauf
sonnig, 25 C
0-50 Fahrzeuge gewartet
Auto, männlich, 30-40 Jahre alt

"Musst Du irgendwo bestimmtes hin? Ich fahr nach Friedrichshain.
Ich verdiene mein Geld mit Einzelfallhilfe, ich betreue Exdrogenabhängige und Tablettenuser. Eigentlich hat man nur Einen um den man sich den ganzen Tag kümmert, aber im Moment habe ich nicht Einen sondern Fünf.
Ich mach das jetzt zehn Jahre, aber im März hör ich auf. Dann verpisse ich mich erstmal, wenn Du zehn Jahre gearbeitet hast dann musst du mal raus.

Das ist aber mutig von Dir hier mit Geld zu stehen. Ich dachte häh, was will der denn?
Da fällt mir was zu Geld ein: Ich habe vor zwei Jahren 46.000 DM gefunden.
Das war bei einer tablettenabhängigen Frau. Beim ersten Einsatz bei ihr, war die Wohnung total verwahrlost. Kennst du das bei alten Omas, die legen doch immmer in Küchenschränken Papier aus, wo dann das Geschirr draufkommt. Ich habe dann bei Ihr in den Küchenschrank geguckt und denke häh, warum stehen denn die Teller so schief da drin ? Ich gucke unter dieses Papier und finde jeweils neun 100 DM Scheine normal gefaltet und einen quer, die waren in so Briefumschlägen mit Sichtfenster, die man vom Amt bekommt. Also Packen a Tausend und davon hatte sie 46 Stück im Küchenschrank liegen! Aber jetzt kommt die Pointe: Erinnerst du dich an 1989, da gab es doch neue Scheine. Sie hatte -vor zwei Jahren habe ich das gefunden- alte Hundertmarkscheine. Ich dachte dann, die sind eh nichts mehr wert. Ich, in meiner Unbedarftheit dachte dann, es ist ja oft so bei alten Leuten dass sie Ihr Geld bunkern aus so einem Sicherheitsgefühl heraus, also nur im Wissen, dass da noch was ist. Ich habe mir dann gedacht was willst Du ihr das Geld denn wegnehmen, ich meine nicht klauen oder so, sondern im Büro melden. Lass es Ihr doch das ist für sie total beruhigend. So ein Polster von so einem Haufen Kohle, das ware echt ein Haufen sag ich dir.
Bei solchen Sachen muss ich dann aber doch unser Büro informieren. Am Wochende betreuen andere die Leute, das sind dann manchmal Studis oder weiss ich nicht wer, und irgendwer greift da zu. Die Welt ist schlecht und wenn du da so ein Haufen Scheine vor dir liegen siehst.... Dann habe ich im Büro angerufen und das hat keine fünf Minuten gedauert und dann sind drei Leute vorbeigekommen, und haben das Geld abgeholt. Wir haben dann für sie ein Konto eröffnet. Im Oktober habe ich das Geld gefunden und Ende Dezember bei der Zinsabrechnung, hat sie 800,- DM Zinsen gekriegt.
Bei den Leuten ist es auch ganz schwer , wenn die auf Tablette sind, sind die wie von einer Wolke umgeben. Du kommst ganz schwer an die ran. Bei der Frau war es so, dass alle Spiegel abgehangen waren, bei all ihren Radiogeräten waren die Knöpfe abgebrochen, so dass keine Stimmen oder aus dem Spiegel keine Gesichter auf sie zu kommen können. Sie war schon total crazy. Die Geschichte hat natürlich ein böses Ende, die Frau ist tot. Das war ein Jahr später, da war ich auf Urlaub. Ich kam wieder und hörte dass sie, sie vor der Tür ihrer Wohnung mit einem Bügelbrett über dem Kopf gefunden haben. Zum Glück war ich nicht da. Bei uns kommt immer wenn jemand stirbt die Kripo ich habe ja nichts damit zu tun, aber da hast du immer so ein gewisses schlechtes Gewissen. Weisst du wie ich mein ? Die wollte wohl zur Nachbarin, die sparte an allem, deswegen hatte die ja auch so ein Haufen Kohle, und demnach auch kein Telefon, vielleicht auch wegen der Stimmen und abhören und so. Total paranoid und das ist super schwierig zu denen durchzudringen. Die haben einen Hausarzt und der hat denen über Jahre Tabletten verschrieben, immer, die ist ruhig gestellt, um ihre Wahrnehmungsgeschichten zu unterdrücken. Das war meine Geldgeschichte. Das Beste war, als wir das Geld bei der Landeszentralbank umtauschten hat der Umtauschvorgang nur 70 DM gekostet. Ich dachte Wahnsinn, du musst doch nachweisen wo das ganze Geld herkommt. Das könnte ja auch aus einem Banküberfall stammen.
Mein Geld steht unter der Fuchtel meiner Freundin, da ich auch eher so ein Raushauer bin, ich kriege dann Taschengeld. Wir haben Witschaftsgeld und dann habe ich noch einen Sohn mit einer anderen Frau und dem muss ich auch jeden Monat 330,- DM überweisen.
Kein Geld zu haben ist äusserst bitter. Dann wirst du auch so Kohlefixiert. Wenn du immer ein bisschen hast, nicht viel ,aber soviel dass du immer die Basics abdecken kannst dann gehts.
Ich war am Wochenende in Polen, da haben Freunde von mir einen Bauernhof gekauft und da will ich jetzt auch einen kaufen. Das ist aber schwierig, da Polen ja nicht in der EU ist und du als EU Bürger da keinen Grund erwerben kannst. Das läuft dann über einen Strohmann. Du schliesst mit dem beim polnischen Notar einen dreissig jährigen Pachtvertrag ab. Dann musst du dich hier in Berlin nochmal mit dem polnischen Besitzer treffen und hier beim deutschen Notar auch nochmal einen Vertrag abschliessen. Einen Vertrag, dass du 17 000 DM für das Haus bezahlt hast, so dass du, wenn in fünf Jahren Polen mit der EU assoziert ist, das Grundstück kriegst, damit er dich nicht abzockt.
Das ist ein Fachwerkbauernhof, ein grosses Wohnhaus mit kleinem Stall und Scheune + Land, alles für 17.000 DM. Meine Freundin und ich suchen schon länger ein Haus und da ich in Berlin arbeite, sollte ich eigentlich auch in der Nähe wohnen. Ich ziehe aber nicht nach Brandenburg, da sind mir zuviele Faschos, das ist mir zu ätzend da. ich habe echt keinen Bock auf so rechtes Pack. Mir von denen das Leben vermiesen zu lassen. Deshalb haben wir beschlossen weiter weg zu ziehen. Erstmal basteln wir weiter an unseren vermeintlichen Karrieren und irgendwann ist das unser Ruhesitz. Meine Eltern helfen uns erstmal, finanziell und auch tatkräftig. Meine Eltern sind so renovierende Renter, kennste die ?

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Fahrt 4

Boxhagener Str. 68
start: 17.25 Uhr
17.40 - 17.50 Uhr
gut drauf
sonnig, 24 C
50-100 fahrzeuge gewartet
Fahrrad, männlich, 20-30 Jahre alt

Ein junger Mann kommt direkt auf mich zu geradelt und bittet mich auf seinen Gepäckträger. Er fährt eine Querstrasse weiter und hält vor einer Sparkasse. Ich steig auf.

"Die Leute reden immer mehr über Geld. Ich habe gerade einen Satz gelesen, den ich sehr gut finde.: Die Gesellschaft befindet sich in inflationärer Tendenz zu ideelen Werten. Dieser Satz drückt genau das aus, was sich im Moment vollzieht. Alles wird nur noch in Geld gemessen und bald werden Dinge, die man nicht bezahlen kann viel mehr Wert kriegen als sie bisher haben. Freiheit, Bedürfnissstillung ... Wenn ich hier in einem Cafe sitze höre ich andauernd solche Gespräche, wo sie mit ihren Handys da sitzen und sich nur über Geld unterhalten: "das kostet 28 DM, nee das kriegst du für 24 DM, das musst du hochrechnen usw." Ich habe versucht ohne die Unterstützung meines Vaters auszukommen, aber jetzt studiere ich und kriege Unterhalt von meinem Vater. Ich bin recht sparsam, aber wenn ich Geld habe gönne ich mir mal was, wenn ich mal jemanden zum Essen einlade und nicht auf die Rechnung gucke. Das gehört auch dazu und man muss lernen, nicht immer so sparsam zu sein und auch mal ausgeben zu können. Ich gebe also auch gern aus, achte dabei aber auch darauf, dass die richtigen Leute es kriegen, also nicht die grossen Konzerne sondern eher die Kleinen, auch wenns teurer ist.

Ich glaube wenn du glücklich bist dann hast du auch soviel Geld wie du brauchst. Wichtig ist, dass du glücklich bist. Glücklich bist du wenn du das machst was du willst, und da gibt es ja auch viele Sache, die auch ohne Geld funktionieren. Oder, du gibst das Geld aus in dem Moment wenn du glücklich bist und wenn das nicht mehr funktioniert suchst du dir andere Sachen aus wo du glücklich bist. Ich kenne auch eine ganze Reihe von Leuten die haben eine ganze Menge Geld. Die arbeiten nicht besonders hart oder gieren danach, die kriegen es einfach, weil sie das machen was sie wollen.


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Alle Texte sind Teil von ExpeditionBerlin
(http://www.tourist-research.de/ExpeditionBerlin)

Veröffentlichung nur nach Rücksprache mit tourist research / Philip Horst