Expedition nach Erinnerung
22. August 2000

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Karl -Liebknecht Str. 129 - start: 15.00h
15.30 Uhr
Komentar während des Trampens

Eine Frau will gerade aufs Fahrrad steigen, geht dann doch zu mir und fragt forsch, was ich hier mache.

"Du kannst doch nicht einfach hier stehen und nach Erinnerung suchen...
Gestern hatten wir das Thema Erinnerung als Vorschlag für eine Zeitung, ich bin auf der Journalisten schule.
Wir haben uns dagegen entschieden und nehmen jetzt das Thema Fassaden.

Zur Erinnerung kann ich dir nichts erzählen, wir haben das Thema ja nicht genommen.
Aber es ist ja sehr aktuell, gerade hier, 10 Jahre Wiedervereinigung und so."

Sie zückt dann doch ihr Notizbuch und liesst vor: "Poesiealbum, Tagebuch, Zeitzeugen , Archive, Träume..."

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Karl Liebknecht Str. 129 - start: 15.00 Uhr
15.40 Uhr - 16.04 Uhr

Ein BMW hupt an der Ampel und winkt mir einzusteigen.

"Wo wollen sie hin Erinnerung?
Ihnen ist es egal wo wir jetzt hinfahren?
Ich fahre jetzt nach Lichtendorf und will da mit dem Bürgermeister reden, über ein Grundstück, das mein Grossvater in die Familie eingebracht hat.
Ein schönes Grundstück mit Birken drauf. Das ist das einzige unbebaute dort.
1990 wäre das nicht aufgefallen wenn man da gebaut hätte.

vor 5 Jahren war ich das erstemal auf diesem Grundstück.

Wir sind zwar eine mobile Gesellschaft, aber man sagt doch, Land verkauft man nicht.
Mir fehlt das geographische Zuhause.
Geboren bin ich in Lotsch in Polen, damals gab es dort viele deutsche Textil-industrielle.
1945 flohen wir nach Sachsen Anhalt, wo ich meine Jugend verbrachte. Dann 1955 Flucht in ein Flüchtlings- lager bei Hamburg.
Studiert habe ich in Freiburg und Hamburg. Dann habe ich in Westfalen gewohnt, die letzten zehn Jahre in Bochum, jetzt wohne ich seit einem Jahr hier in Berlin.

Das Grundstück stand in Volkseigentum der DDR.

Berlin hat aber auch viel Protz, im Vergleich zu Hamburg ist das schon ganz schön laut.

Mit Ihrem Schild Erinnerung..., ich nehme eigentlich immer Tramper mit.
Ich habe als Junge selber viel getrampt, also war es mir auch egal was auf ihrem Schild steht.

In der Ex- DDR hatten sie ja alle möglichen komischen Orts- und Platznamen, Opfer des Faschismus/ODF, Platz des Friedens...
Oder sie wollen zu einer Ausstellung namens Erinnerung...

Das Grundstück muss jetzt schnell bebaut werden. Ein Brunnen ist drauf. Ein alter Brunnen mit Ringen.
Kennen sie das Buch Leben auf dem Lande, da wird auch beschrieben wie man Brunnen baut.
Das Buch ist super, das gibt es jetzt als Paperback für DM 19,90."

Er fährt auf die Autobahn Richtung Süden. Ich steige aus.
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Spandauer Damm/ S-Westend - start: 16.06 Uhr
16.15 Uhr
Komentar während des Trampens

Ein Fahrradfahrer ruft im vorbei fahren:
"Vergessen".


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Spandauer Damm/ S-Westend - start: 16.06 Uhr
16.20 h-16.30 Uhr
Komentar während des Trampens


Eine Mann bleibt vor mir stehen und betrachtet mich.
Sein Gesicht ist etwas blutverschmiert, seine Hand verbunden und sein Stand wankend.

"Das begreife ich nicht Erinnerung ?
Das ist jetzt schon 6 Jahre hier, da fuhr ich durch den Harz und wusste, ich war hier schon mal als sechsjähriger.
Verdammte Scheisse dachte ich, hier war ich doch schon mal, durch den Bach bin ich schon mal gelaufen.
Nee gwohnt habe ich da nie. Da war ich damals von der Caritas verschickt worden.

Aber das merkwürdigste was ich mal erlebt habe war in Zürich. Da kam ich an und wusste genau, dass ich hier schon mal gelebt habe. Ich kannte mich sofort aus.
Ich bin einfach geradeaus losgegangen, zack über die Brücke, rechts rum, links rum und auf einmal stand ich direkt vor dem Sprüngli.
Ich habe mich gar nicht fremd gefühlt, ich habe mich zuhause gefühlt, obwohl ich diese Stadt das erste mal in meinem Leben gesehen habe. Als ob ich da ewig gelebt hätte.

Ey und dann in Italien, genau so.
Da war ich mit einem Kumpel. Morgens um sechs, mir war kalt und so, da sage ich:
"Ich brauche jetzt unbedingt einen Cappuccino ".
Wir waren mitten in den Bergen. Ich sach hierlang, den Berg hoch und da war dann einer, und der hatte auch noch offen, das ist ja total selten, dass da einer offen hat."
....
"Jetzt haben sie mich genäht.
Was passiert ist, weiss ich auch nicht mehr. Heute morgen bin ich aus dem Haus und bin dann im OP wieder aufgewacht. Schau mal wieviel Stiche sind denn da?"
sechs Stiche zähle ich.

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Spandauer Damm/ S-Westend - start: 16.06h
18.20 Uhr -18.35 Uhr
TIMEOUT :
Kein Auto nimmt mich mit.
Ich steige in den Bus 145 und steige kurz vor Zoologischer Garten aus.

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Hardenberg Str.14 - start: 18.36 Uhr 19.10 Uhr
Komentar während des Trampens
Ich trampe ziemlich oft, allerdings in der Stadt nur wenn ich mal nachts den Bus verpasst habe.
Ich trampe fast nie so stehend, sondern spreche eher Leute an.

Erinnerung ist eher subjektiv.
Man geht immer davon aus das Erinnerung so ist wie man sie selbst erlebt. Mir fällt in letzter Zeit stark auf, dass jeder mit gleichen Orten etwas anderes verbindet.
Meine Freundin kommt aus Berlin und ist vor ein paar Jahren nach Frankfurt gegangen und hat da eine ganz tolle Zeit gehabt.Jetzt lebt sie wieder in Berlin.
Ich komme aus Frankfurt und bin dann nach Berlin gekommen. Das war alles zu einer Zeit als wir so sechzehn, siebzehn waren.
Ich bin dann voll auf Berlin abgefahren, weil alles so neu war.
Meine Freundin, die ja aus Berlin kommt findet es hier total öde und ist von Frankfurt total begeistert. Ich selber finde Frankfurt langweilig.
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Alle Texte sind Teil von ExpeditionBerlin
(http://www.tourist-research.de/ExpeditionBerlin)

Veröffentlichung nur nach Rücksprache mit tourist research / Philip Horst